Mööh

Die Engländer sind doch brave Menschen. Pünktlich um 22 Uhr ist am Vorabend die Musik verstummt, und wer sich getraut hat, nachts bei offenem Fenster zu schlafen (in jedem Zimmer liegt ein Zettel, auf dem das Hotel ausdrücklich davor warnt, Fenster aufstehen zu lassen, weil sonst die Tauben ins Haus kommen), der konnte auch wirklich durchschlafen.
Nach dem Frühstück werden wir nach Winchelsea gefahren, die kleinste Stadt Englands mit knapp 600 Einwohnern. Wir werfen kurz einen Blick in die Kirche aus dem Mittelalter

und wandern dann bei allerschönstem Sommerwetter los. Bei der Wanderung gestern sind wir meistens über Weiden oder an Weidenrändern entlang gelaufen, und hierzuland heißt das, dass man öfter mal Zäune übersteigen muss (dafür stehen an den Zäunen hölzerne Tritthilfen) oder sich mit gefühlten zwei Dutzend Mechanismen der Öffnung von Weidetoren bekannt machen darf (ziehen, heben, drücken, wenn man Glück hat einfach nur schwenken). Auch heute geht es erstmal über eine Weide, nicht wie gestern eine Weide mit gelangweilten Kühen sondern eine Schafweide.

„Möööh!“ nörgeln die Schafe, die sich von den dynamischen Fremdkörpern gestört fühlen die da ihre Weiden durchqueren (nachmittags müssen dann die Profile der Wanderschuhe mühevoll gesäubert werden).

Wir gehen zunächst auf einer zum Glück kaum befahrenen Straße entlang. „Auto!“ ruft Claudia von vorne, wenn doch mal eins kommt. Einmal kommt sogar eine ganze Kolonne von Oldtimer-Cabrios, deren durch die Bank silberhaarige Fahrer uns jovial zuwinken. Später folgen wir dem 1066 Trail (hat mit der Schlacht von Hastings zu tun, obwohl die Briten wohl nicht wirklich gerne darauf angesprochen werden, dumm gelaufen damals) quer durch die Wiesen bis nach Rye.

Rye ist ein wirklich niedliches kleines Örtchen, einer der „Cinque Ports“ die damals so etwas wie eine englische Hanse bildeten. Wir erklimmen die Mermaid Street mit ihren Cobble stones (im Regen muss die Todesrate in Rye exorbitant steigen) hoch zur Kirche. Mutter und ich sind zu hungrig um reinzugehen (eine andere Teilnehmerin war drin und sagt „Die war langweilig“, also nichts verpasst), wir gehen in den Mermaid Inn und essen erstmal was. Hinterher hole ich mir im Kino neben der Kirche ein Eis, bevor wir kurz vor 14 Uhr wieder in den Bus steigen.

Wir fahren weiter nach Great Dixter. Davon hatte ich vor ein paar Jahren in einer Gartensendung erfahren und war ganz erfreut, es auf dem Programm dieser Reise wiederzufinden. Great Dixter ist ein „Manor house“ aus dem Mittelalter, das dem in Gartenkreisen wohl sehr bekannten englischen Gärtner und Autor Christopher Lloyd gehört hat. Sein Vater hat das alte Haus durch den englischen Stararchitekten Edward Lutyens erweitern lassen, und Christopher hat aus den eher unspannenden Gärten rundherum seinen eigenen Gartentraum erstehen lassen.

Farben sind zwar wichtig, sagt er in einem Interview, aber ihm persönlich sind sie längst nicht so wichtig wie Blätter. Blätter leben länger als Blüten, und bieten viel mehr was Leben und Struktur betrifft. Auf die Frage was denn sein Programm gewesen wäre bei der Gestaltung des Gartens sagt er: „I love plants. I wanted the garden to look as if the plants were enjoying themselves“. Er erreicht das durch üppigste Bepflanzung. Great Dixter ist kein formaler, streng strukturierter Garten, in dem jede Pflanze einzeln wahrgenommen werden kann. Great Dixter ist der Ort, wo man bei den Beeten keinen Boden sieht weil alles voll ist mit Pflanzen. Natürlich wird gepflegt, aber es wirkt schon so als würde hier alles was nur irgend in die Beete passt anfeuernd zum Wachstum ermuntert. Üppiger, überquellender Bewuchs kennzeichnet die Gartenteile: Den sunken Garden, den/die/das Topiary mit den Formschnittgehölzen, den Cat Garden (erstaulich, denn Lloyd war Hundefreund und ganz vernarrt in seine Dackel), den sogenannten High Garden und den Orchard Garden.

Hier gehen die Gartengeschmäcker wieder auseinander. Meine Mutter findet Great Dixter bisher am interessantesten, mir hat Sissinghurst bisher am besten gefallen. Einig sind wir uns aber darin, dass zwei Stunden Zeit für Great Dixter zu hoch gegriffen sind,  mit ein bis anderthalb Stunden kommt man gut hin, denn das Gelände ist überschaubar.

Auf der Rückfahrt im Bus fallen mir diesmal wirklich die Augen zu. Wir machen kurz vor dem Hotel noch einen Stopp, weil der größte Teil der Gruppe sich gerne noch den hölzernen Pier anschauen

und von dort nochmal eine halbe Stunde zum Hotel gehen wird, aber Mutter und ich und noch ein paar andere sind schon zu müde dazu. Wir werden bis zum Abendessen die Beine hochlegen oder zum Beispiel schonmal Fotos überspielen und den Blog anfangen.

Das Abendessen ist heute nicht ganz so gut wie an den beiden letzten Tagen, unser Fahrer Marc ist mit uns einer Meinung, dass die Lammkoteletts eher als Schuhsohlen denn als Nahrungsmittel durchgehen. Inzwischen schon wirklich sehr, SEHR müde kann ich grade noch verarbeiten, dass wir morgen schon um halb neun los müssen weil wir bis Bournemouth fahren. Nicht ohne zwischendurch noch einen Garten zu besichtigen!

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